Auswendig singen?

Auswendig Singen eine Glaubensfrage auch beim Liederkranz

CHORISMA singt bei seinen Auftritten vorwiegend auswendig und choreografisch aktiv. Der traditionelle Liederkranz hat sich in einer Abstimmung gegen das Auswendig-Singen entschieden und benutzt weiterhin die Notenmappen. Auswendig zu singen hat sicherlich Vorteile und beschert dem Dirigenten mehr Aufmerksamkeit aber wenn die „Alten“ dann nicht wissen wohin mit ihren Händen dann stimmt etwas nicht.
Auch auf Dirigentenebene gibt es kontroverse Meinungen zu diesem Thema. Aus der Chorzeit Nov. 2018 ein Auszug dazu. Die Pro-Seite vertritt Anne Kohler, Professorin für Chor- und Orchesterleitung und die Kon-Seite wird beleuchtet von Frieder Bernius, Dirigent und Honorarprofessor der Musikschule Mannheim.

Pro auswendig singen

Notenschrift ist eine abstrakte Verschriftlichung jener Kunst, die ihrer Natur nachimmateriell und flüchtig ist. Notenschrift zu lesen und Partituren zu durchdringen stellt ein wertvolles Kulturgut dar. Geübte ChorsängerInnen weisen häufig erstaunliche Begabung im Erfassen von Noten auf. Blattsingen und Partiturkenntnis bedeutet für alle Profis Voraussetzung und Grundlage ihrer Berufsausübung. Aber; Ein Notenblatt an sich ist genau so wenig die Musik selber wie ein aufgeschriebenes Gedicht das lebendig rezitierte Wort darstellt. Tiefes Verständnis von Musik drückt sich in interpretatorischen Parametern aus, die schwer notierbar sind. Musik entsteht ja erst durch die Art, wie Töne miteinander verbunden werden.
Singen ist eine ganzkörperliche Tätigkeit, die von Flexibilität in Haltung und Stimme gekennzeichnet sein sollte. Hier bedeutet das Halten der Noten eine Einschränkung der äußeren und inneren Beweglichkeit. Wenn der visuelle Sinn nicht durch Notenlesen gebunden ist, werden im Gehirn Kapazitäten frei, um den auditiven Sinn besser zu nutzen. Auch treten die SängerInnen untereinander und mit dem Dirigenten oder der Dirigentin im Bemühen um Intonation, gemeinsame Atmung, Klangfarbe, Homogenität und Phrasierung spürbar intensiver in Kontakt. Nicht nur Chöre aus dem Bereich der populären Musik singen Konzerte und Wettbewerbe aus diesen Gründen auswendig. Oft strahlen diese Ensembles lockere Beweglichkeit und Konzentration zugleich aus. Lebendigkeit und Bühnenpräsenz treffen hier im besten Falle auf eine zutiefst verinnerlichte
Partitur.
Professionelle Chöre haben wenig Zeit dafür, Werke auswendig zu lernen. Auch ist deren Literatur in den meisten Fällen dafür zu komplex beschaffen. Ach, würde doch mancher Profichor im Konzert etwas mehr von der betörenden Freiheit und Emotionalität verschenken, die beim Singen ohne Noten entstehen kann ...

Kontra - Dreifache Arbeit für fraglichen Gewinn

Ein Verzicht auf Noten kann zu einer einheitlicheren Gestaltung verhelfen, muss es aber nicht. Entscheidend ist, wie und ob es in den Proben gelungen ist, das Bühnengeschehen
so vorzubereiten, dass ein einheitliches Verständnis zwischen Ensemble und DirigentIn entstanden ist. Ob das Auswendigsingen dann noch der entscheidende Kick ist? Ich denke, es kommt vielmehr auf die Ausstrahlung der musikalischen Leitung an und auf die Fähigkeit der Ensemblemitglieder, sich darauf einzulassen. Ob das wirklich von einem Notenblatt abhängt? Es gibt zudem einige Hürden. Denn um ein ganzes Konzertprogramm auswendig zu lernen, muss viel Zeit investiert werden. Dafür gibt es sehr unterschiedliche Befähigungen- Stichwort fotografisches Gedächtnis, und wir müssen immer von denjenigen ausgehen, denen das am schwersten fällt. Wenn das Auswendigsingen wirklich ein Vorteil wäre: Wären Ensembles, die weniger Zeit zum Proben brauchen oder haben, nicht im gestalterischen bei der niemand auf die Idee käme, auswendig zu singen - gerade weil die Ausführenden dann jede Menge Anschlüsse und Notizen mit auswendig lernen müssten.
Würde außerdem nicht die Aufmerksamkeit zu sehr auf den Dirigenten oder die Dirigentin konzentriert, Eigenverantwortlichkeit aber nicht gefördert, die sich am Lesen der Notenschrift immer wieder neu aufladen kann? Von den Notfällen gar nicht zu reden, wenn kurzfristig SängerInnen ausfallen und der nötige Ersatz keine Zeit hat, die Partie auswendig zu lernen

Für mich als Dirigent, der nie auswendig dirigiert, aber natürlich mit allen Ausführenden ständig in Blickkontakt sein möchte, ist es gleichwohl sehr hilfreich, wenn mir zwischendurch ein schneller Blick in die Partitur bestimmte Zusammenhänge wieder ins Gedächtnis zurückruft. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es durch Auswendigdirigieren und –singen immer wieder auch Phasen der Verunsicherung gibt. Sie wirklich ausschließen zu können, würde dreifache Arbeit bedeuten. Und es wirkt peinlich, wenn etwa bei Wettbewerben das Ensemble auswendig singt, der Dirigent aber die Noten vor der Nase hat ...
Orchester spielen nicht auswendig - zu viele Noten, zu lange Aufführungen. Bekommen sie deswegen aber eine weniger spontane, einheitliche, gemeinsame Aufführung hin? Solche erstrebenswerten Attribute sind auch mit Noten erreichbar. Der gute Adorno hat einmal gesagt, Musik sei zum Hören, nicht zum Sehen da. Auswendig zu singen wirkt natürlich einheitlicher. Aber hoffentlich sind wir in Europa noch weit von der Überzeugung anderer Kontinente entfernt, Chorkonzerte ohne Choreografie-zu der man keine Noten in der Hand halten kann - seien nicht mehr erträglich. Denn das wäre der nächste Schritt.

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